Musikstadt Wien
Moderne Musik hat in der “Musikstadt Wien”
trotz aktiver Szene und grossem Publikum seit Schönbergs
Zeiten keine gebaute Manifestation und keine adäquaten
Räume.
Sonic Tower schliesst diese Lücke und holt die in
den 30er Jahren vertriebene Musik zurück ins Zentrum
von Wien, auf den Karlsplatz. Das vertikale Konzertgebäude
ist ein städtebauliches Zeichen und schafft einen
Ort der Synergie, des Experiments und des Eintauchens
in das Neue.
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© Kristina Schinegger, Wien |
Neue Musik braucht neue Räume
Obwohl wir Klang von rundum hören, sind konventionelle
Auditorien von der Zentralperspektive bestimmt. Positionen
von Bühne und Publikum sind fixiert, der Zuhörer
befindet sich in einer passiven Haltung.
Moderne Musik will nicht berieseln sondern “das
Ohr aufwecken” (Luigi Nono).
Eine Rundum-Bühne wie bei Luigi Nonos “Prometeo”
bringt den Zuhörer aus seiner distanzierten Position
ins Zentrum der Klänge - das Konzerterlebnis entspricht
der alltäglichen, unmittelbaren akustischen Wahrnehmung.
Die szenische Aufführung ist nicht mehr zur Gänze
visuell wahrnehmbar, das Hören tritt in den Vordergrund.
Die grosse Bandbreite von modernen Kompositionen verlangt
nach flexiblen Auditorien, in denen Positionen nicht fixiert
sind. Inszenierungen sollen nicht in den Rahmen eines
Konzertsaales gepresst, sondern durch die Möglichkeiten
des Raumes erweitert werden.
Instrument
Sonic Tower ist ein Instrument für unterschiedliche
Aufführungen von szenischen Werken bis zu permanenten
Klanginstallationen.
Auditorien verschiedener Grösse und Eigenschaften
sind in einem kontinuierlichen vertikalen Körper
übereinander angeordnet. Je nach Inszenierung können
diese über je zwei luftdichte Klappen miteinander
verbunden oder getrennt werden um so räumliche und
akustische Eigenschaften zu verändern.
Positionen von Musikern und Zuschauern sind flexibel und
können sich während der Vorstellungen durch
das 100 Meter hohe Auditorium bewegen.
Der Raum ist kein Korsett für Kompositionen sondern
ein Instrument zum Experimentieren.
Die Entwicklung einer neuen Typologie des Konzerthauses
wurde von einem umfassenden Research in Kompositionstechniken,
experimentellen Aufführungsformen und Akustik begleitet.
In Gesprächen mit MusikerInnen, KomponistInnen (wie
Katharina Klement und Olga Neuwirt) und Akustikern wurden
realistische Annahmen zu Benutzbarkeit und Akustik diskutiert
und anschliessend in den Entwurf eingearbeitet.
Akustik
Um die Akustik von gewölbten Flächen kontrollieren
zu können, werden folgende Strategien angewendet:
- Die Verformung des Auditoriumsköpers folgt akustischen
Erfordernissen:
z.B. Zweiteilung und Verziehen der Form um horizontale
Reflektionsflächen zu erzeugen, trichterförmige
Ausbildung der Auditorien
- Oberflächen werden gefaltet um Streuung zu erreichen
- Absorbierende Körper verhindern Fokussierungen
von Schallwellen
Aus dem Untergrund
Das Gebäude entwickelt sich aus dem unterirdischen
Röhrensystem des Karlsplatzes zum vertikalen Gegenüber
zur Karlskirche und der Secession. Über die U-Bahn-Passage
ist es direkt mit der Staatsoper verbunden und schafft
eine neue Achse zwischen Alt und Neu.
Oberirdisch teilt es den Karlsplatz in zwei definierte
Bereiche - den eigentlichen Platz vor der Karlskirche
und die Verlängerung der Wienzeile. Der Hinterbühnenturm
bildet eine Kante zum Park, der dynamische Auditoriumskörper
wendet sich Verkehrsfluss und Wienfluss zu. Während
der harte Körper den Bezug zur umgebenden Bebauung
herstellt, implantiert der weiche Körper das Neue.
Zwischen den Körpern windet sich eine öffentliche
Rampe von der aus nicht-zahlende Besucher durch Schlitze
und Poren in Proben und Vorstellungen hineinhören
(previews, prelistenings).
Text: Kristina Schinegger, Wien |