Ein Projekt mit sechs
Audiowalks zu ausgewählten Wien-Ambientes
Let me show you the world in my eyes
Depeche Mode, World In My
Eyes
Oft zeigt die Neue Welt sich in einem Umspringbild,
wodurch ich nicht diesen Mast
als ein Ding erfasse, vielmehr den Zwischenraum,
geformt von ihm und dem Nach-
barmast. Und es weht mich die neue Welt weniger
aus der Natur an als von einem
Platz mit Menschenspuren. Niemandsland, ja ...“
Peter Handke, Mein Jahr
in der Niemandsbucht |
Sechs Künstlerinnen (aus den Bereichen Literatur,
Architektur, Bildende Kunst, Design und Sound) erarbeiten
zusammen mit einem Audio-künstler einen je 20 –30
minütigen Audiowalk durch einen von ihnen frei gewählten,
öffentlich zugänglichen Bereich von Wien.
Die sechs Audiowalks von AWWA konstituieren relationale
Räume indem sie Wahrnehmung, Beschreibung und Körperraum
an Orten in ein Handeln in und mit Hilfe von räumlichen
Strukturen verdichten. AWWA ist ein Projekt, das Räume
als durch Handlung geschaffene – durch Objekte und
Menschen synthetisierende, relational anordnende –
Settings versteht.
AWWA macht die „Unsichtbarkeit der sozialen Räume“
durch die Technik der Collage – oder genauer: durch
sinnliche Überlagerung – sichtbar: Durch die
Verknüpfung der Wahrnehmungsräume von sechs
Künstlerinnen, ihren Beschreibungen, Betonungen und
„Handlungsvorschlägen“ mit der Möglichkeit
diese Erzählungen in Form des Audio-Walks mit der
eigenen Bewegung an jenen ausgewählten Orte zu überlagern
oder sie auch – ohne eigener Bewegung – einfach
nachzuverfolgen ensteht ein intimer Stadtführer zu
Wien, der (eigentlich) der Literatur vorbehaltene Qualitäten
des Atmosphärischen mit dem öffentlichen Raum
der Stadt (i.e hier: Bewegungsraum) zu verknüpfen
sucht.
Alltag – Sensibilisierung – Eindrücke
– Bilder – Bewegungen – Geräusche
– Gerüche – Erzählungen –
sich treibend führen lassen (1)
Die stärkste Motivation in ein Stadt zu reisen, ist
immer schon in den Mythen der Stadt verankert, in jener
Literatur in der die Stadt als Bühne für ihre
Helden, Leidenschaften und Abenteuer, ihrem Verlieren
im Gewirr der Sprachen, Handlungen und Verwicklungen,
Überschreitungen des Alltags,dem Exzess und der Transgression
fungiert. In eine Stadt fährt man, um sich in ihr
zu verlieren...Angst und Lust, das ist was der Tourismus
zumeist vergeblich zu verkaufen sucht...
Aus der Sicht der Architektur geht es mir dabei um die
Herausarbeitung jener Begriffe und Qualitäten, die
im rezenten Architekturdiskurs unter dem Begriff der „Atmosphäre“
(etwa G. Böhme), in der Phänomenologie unter
der „Gestimmtheit“ (etwa O. Bollnow) oder
in der Kulturwissenschaft unter „Präsenz“
verhandelt werden. Wenn die vornehmliche Aufgabe der Architektur
in der Gestaltung jener Objekte liegt, die Bewegung mit
Aufenthalt, mit Wohnen, mit Arbeit, mit Entspannung oder
auch mit institutionalisierten Handlungsschemata (Krankenhaus,
Schule, Universität, Ämter, Behörden, Museen)
in der Stadt verknüpft, so kann man das als „Gestaltung
der Sichtbarkeit des sichtbaren Raumes“ verstehen.
AWWA ist dazu keine „alternative Gestaltung“
sondern eine Überlagerung jenes sichtbaren Raumes
(der Architekturen, der Stadt) mit dem oben beschriebenen
„Sichtbarmachen der Unsichtbarkeit des (sozialen)
Raumes“.
Für die Architektur verstehe ich AWWA als Versuch
sie von „diskursivierten“ Anforderungen, denen
sie „institutionell“ nicht nachzukommen vermag
zu befreien. Architektur ist an der Schaffung von „sozialen
Räumen“ beteiligt, sie kann diese aber nie
„aus sich selbst heraus“ schaffen.
Wie: Für den Audiowalk benötigt
man nur ein Set aus MP3-Player und Kopfhörer. Dieses
Set kann zusammen mit einem gedruckten Stadtplan bei eventuellen
Kooperationpartnern (etwa MQ) gegen Pfand entliehen oder,
sollte man über einen eigenen MP3 Player verfügen,
als Download in Form von MP3- und Pdf-File direkt von
der Website www.awwa.at
bezogen werden.
Wann: Die Produktion ist angelaufen,
die öffentliche Präsentation erfolgt im März
2007
(1) Es lassen sich
hier mannigfache Bezüge zu urbanistischen und künstlerischen
Theorien und Praxen der Aneignung, der In-anspruchnahme
oder auch Ausblendung von „Wirklichkeitsausschnitten“
des Städtischen finden – etwa im Situationismus,
in den Überlegungen zur Veränderung der Wahrnehmung
und Teilnahme am „öffentlichen Raum“ Sony’s
Walkman in den Achtziger Jahren bis zur gegenwärtigen
Mobiltelefon-ubiquität, aber auch aktuelle Überlegungen
zu „Augmented Reality“ und „Computer Games“
– gemeinsam ist diesen Theorien das unhintergehbare
Konglomerat aus Architektur, Stadt und Medien, das sich
nur noch über Fragmente, Diskontinuitäten und
Simultaneitäten einer Beschreibung öffnet. Poesie.
Text: Andreas Lechner
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